Hannes Leitner
Da gibt es in Österreich Menschen, denen es offensichtlich
nicht egal ist, wenn wieder eine Abtreibungsklinik eröffnet wird. Vielen Medien
ist völlig klar, wie diese Leute einzuordnen sind, nämlich als radikale
Abtreibungsgegner. Dabei hätten viele dieser Menschen wohl nichts dagegen mit
dem Wort "radikal" bezeichnet zu werden, wenn dieses in seiner ursprünglichen
Bedeutung gemeint ist. Radikal kommt nämlich von "radix" und meint
soviel wie Wurzel, Ursprung, Stamm, Quelle. Welches ist aber nun die Wurzel
dieser Proteste?
Wie radikal ist es aber überhaupt, wenn sich Menschen einer Problematik
annehmen, die sie selbst direkt wohl gar nicht tangiert? Wie radikal ist es zu
fordern, dass unsere Gesellschaft mit Fragen des Lebens höchst sorgsam
umzugehen hat? Wie radikal ist es, in einer Demokratie, in der freie Meinungsäußerung
eine hohes Gut ist, die Meinung zu äußern, dass man wohl nicht einfach
hinnehmen sollte, dass mit werdendem Leben leichtfertig umgegangen wird?
Dieses werdende Leben hat schon ein massives Problem in den aufgeklärten
Demokratien: Sie haben keine Stimme, sie treten nicht in Erscheinung, es ist
nicht zu Erwarten, dass sie Demonstrationen abhalten oder sonst auf eine Weise
lobbyieren werden und die nächste Wahl bestimmen ganz sicher nicht sie!
Aus den Augen, aus dem Sinn, eine feine und diskrete Entsorgung - was geht uns
das an - und na ja, man sollte, müsste........ Hatten wir das nicht schon? Hat
nicht gerade, wie der Theologe Johann Baptist Metz ausführt, der Wahnsinn von
Ausschwitz - trotz aller danach spürbaren Entrüstung - die Tore aufgemacht für
eine Dimension der Unmenschlichkeit im Umgang mit dem Leben, die keine Grenze
mehr kennt?
Wie konnten unsere Vorfahren denn schweigen angesichts der NS-Gräuel? Jeder
Versuch einer Antwort ist in sich schon zum Scheitern verurteilt und wir, wir
haben kein Problem damit, zu schweigen, wenn jährlich in unserer Zeit mehr
Kinder abgetrieben werden als im ganzen 2. Weltkrieg an Toten zu verzeichnen
waren.
Dieser neue Tod, diese Vernichtungswelle ist subtil geworden: Man sieht sie
nicht, diese Toten, sie werden diskret beiseite geschafft und das Gute daran
ist, dass dabei weder Gebäude noch andere Sachwerte zu Schaden kommen. Es gibt
keine sichtbare Zerstörung, keinen Stoff, der sich für Hollywoodfilme eignen würde.
Nur das Sichtbare zählt, das, was Raum findet in den Medien betrifft uns noch.
Wenn es eine Botschaft gibt aus der Entwicklung der Menschheit heraus, dann wohl
diese, dass wir nur in dem Sinne wirklich Mensch sein können, in dem wir in
allem, was wir tun nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das Schicksal der
anderen im Blick haben. Die meisten Europäer haben in diesem Geiste sehr klar
erkannt, dass es nicht richtig war, als Supermacht - um eines vermeintlichen
Sicherheitsbedürfnisses heraus - den Irak anzugreifen und dort zehntausende
Tote als Opfer einfach in Kauf zu nehmen, denn das Leid der anderen ist immer
auch als Handlungsmaxime mitzudenken und zu berücksichtigen. Wer das nicht
lebt, macht sich schuldig - schuldig am Gewissen und Gedächtnis der Menschheit,
schuldig, aus der Geschichte des Lebens die wesentliche Lektion nicht gelernt zu
haben.
In der Zerstörung werdenden Lebens müssen wir uns hinterfragen, welcher Art
die Balance zwischen eigenem Vorteil und fremden Leid ist, die uns zu einem
Schritt ermächtigt, dem anderen das Leben zu nehmen? Welche Dimension der
eigenen Einschränkung rechtfertigt es, dem anderen jegliche Zukunft zu rauben?
Die Freiheit ist ein hohes Gut in unseren Gesellschaften und wir wehren uns zu
Recht gegen Einschränkungen unserer Freiheit. Ein Numerus Clausus im Zugang
z.B. zu den Universitäten ist uns aus dieser Grundüberlegung heraus zutiefst
suspekt. Gleichzeitig aber haben wir den Zugang zum Leben selbst beschränkt:
Wir entscheiden, wer überhaupt geboren werden soll, welches Leben überhaupt
lebenswert ist.
So wie es im Dritten Reich nach den wahnsinnigen Nazi-Parolen vermeintlich die
Juden hätten sein sollen, die einer guten Zukunft im Wege standen, sind es
jetzt diese unerwünschten Kinder, die vermeintlich unserer Zukunft im Wege
stehen. Kaum jemand kommt auf die Idee, wie absurd es ist, dass wir mit dem
Argument, unsere Zukunft schützen zu müssen, gerade diejenigen beseitigen, die
diese Zukunft sind!
Doch dabei bleibt es nicht. Wenn die Büchse der Pandora geöffnet ist, gibt es
kein zurück mehr. Wenn werdendes Leben ohnehin nicht mehr zählt, dann wird im
nächsten Schritt auch jegliches Experimentieren damit unaufhaltsam Realität.
Dann werden wir beginnen, Menschen zu züchten nach unseren Vorstellungen. Dann
werden wir Mutanten und Hybride Wesen erschaffen und werden damit eine weitere
Grenze überschreiten mit unabsehbaren Folgen.
In allen barbarischen Unmenschlichkeiten der Geschichte war es besonders eine
Tatsache, die dafür gesorgt hat, dass die Selbstreinigungskraft der Menschheit
insgesamt intakt geblieben ist. Die jeweils nächste Generation hatte die Möglichkeit,
aus den Fehlern der Geschichte zu lernen, denn wie grausam die Regime auch
waren, wie unmenschlich die Barbarei getrieben wurde, die nächste Generation,
das waren immer schlicht und einfach neue Menschen. Menschen mit einer ihnen
gegebenen Freiheit und Würde, sich loszusagen von den Gräueln der
Vergangenheit und es besser zu machen.
Durch die Grenzen, die wir heute im Begriff sind zu überschreiten, ist selbst
diese Hoffnung brüchig geworden. Werden es wieder neue Menschen sein, die nächsten
Generationen, oder doch schon bald Produkte unserer Zuchterfolge?
Darum geht es den radikalen Abtreibungsgegnern, die in den meisten Medien als
Ewiggestrige dargestellt werden, die andere bevormunden wollen, sich einmischen
in Dinge, die sie nichts angehen.
Geht es uns wirklich nichts an? Ist es wirklich der Weisheit letzter Schluss,
die Fragen des Lebens in die Beliebigkeit des Einzelnen zu stellen?
Wir leben in einer Zeit, in der wir an nationalen und internationalen Regeln zu
ersticken drohen. In so zentralen Fragen aber soll es keine Regeln geben? Wir
wollen gar nicht wissen wieviele Menschen aus ihrer verständlichen inneren Not
heraus meinen, nicht anders zu können als werdendes Leben zu zerstören?
Manchmal scheint es als wollen uns gar nicht überlegen, was denn von der
Gesellschaft getan werden könnte, um dieses Problem einzudämmen - um den
befroffenen Frauen und Männern, die sich in einer für sie unlösbaren
Situation befinden - in einem umfassenden Sinn wirksame Hilfe anzubieten.
Ja, da gibt es schon einiges, aber das - so wichtig und unverzichtbar dies ist -
reicht bei weitem nicht aus!
Was sie fordern, diese "Radikalen" ist, dass die Tötung ungeborenen
Lebens von der Gesellschaft nicht einfach so hingenommen wird, dass endlich
ausreichende Maßnahmen ergriffen werden um den betroffenen Frauen und Männern
ausreichend Unterstützung und Hilfe zu geben. Nur dadurch erst entsteht eine
Situation in der diese werdenen Eltern in Freiheit entscheiden können.
Entscheidungen, die aus inneren oder äußeren Notlagen heraus getroffen werden,
sind niemals Entscheidungen in Freiheit. Sind wir es - aus der Sicht der Würde
von Müttern und Vätern - schuldig, alles zu tun, um ihnen diese Freiheit zu
ermöglichen?
In diesem Sinne meinen die "radikalen" Abtreibungsgegener, dass es
sicher zu kurz greift - und in großem Maße kontraproduktiv ist - nur einfach
immer weitere Abtreibungskliniken zu bauen. Kliniken, die sich natürlich
rechnen müssen und die sich immer dann umso besser rechnen, ja mehr
Abtreibungen durchgeführt werden. Dort eine Beratung zu erwarten, die den
Schutz des werdenden Lebens im Blick hat, ist naiv.
Ja es ist schon mühsam mit diesen unangenehmen Zeitgenossen, die es wagen, sich
für Anliegen einzusetzen, die sie gar nicht selbst direkt betreffen. Da hat
unsere Gesellschaft schon viel mehr Sympathie mit denjenigen, die für ihre
eigenen Rechte auf die Straße gehen.
Medien, die Menschen, die sich für diese Anliegen einsetzen prinzipiell und
vorweg mit Formulierungen diffamieren, die engstirnige und gewaltbereite
Extremisten suggerieren, können sich der Aufmerksamkeit des Publikums gewiss
sein. Damit entsprechen sie doch dem Wunsch nach einer Schlagzeilen und das ist
gut für die Quote. Ob diese Darstellungen auch sachgerecht sind und nicht eine
höchst fragwürdige "Gewalttätigkeit" der Rhetorik darstellen,
bleibt dahingestellt.
Wenn die wenigen, die trotz aller Diffamierung, ihre Stimme noch erheben, verständlicher
weise ob der Aussichtslosigkeit eines jahrelangen
Engagements für das Leben, das Handtuch werfen und auch verstummen, haben wir
dann in unserer Gesellschaft endlich das erreicht, was wir wollen?
Wie die Welt nach uns - mit dem Blick, der bereits durch das Wissen um die
Resultate gesellschaftlicher Entwicklungen geschärft ist - unsere heutigen
Richtungsentscheidungen in diesen zentralen Fragen des Lebens beurteilen werden,
bleibt offen.
Meine Vermutung aber ist, dass die kommenden Generationen viele unserer
Argumente, warum wir dies getan und jenes unterlassen haben, wohl als zutiefst
fadenscheinige Ausreden qualifizieren könnten.
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